Nordische Mythologie
Das Werden der Welt, der Riesen und der Asengötter
Einst -so glaubten unsere Vorfahren, die alten Germanen- gab es eine Zeit, da alles nicht war: nicht Erde und Meer, noch der Himmel mit seinen unzählbaren Sternen, nichts war da, als ein ungeheurer, finsterer Abgrund: Ginnungagap, die gähnende, lautlose, tote Kluft.
Aber in dem grenzenlosen, schweigenden All war der Weltgeist, den die Nordvölker Fimbultyr nennen.
Nach seinem Willen entstand im hohen, kalten Norden das finstere Reich Nifelheim und fern im Süden Muspelheim, das Reich der Gluthitze, des Feuers. Und ein Brunnen entsprang im urkalten Nifelheim: Hwergelmir, der brausende Kessel. Aus seiner grundlosen Tiefe brachen zwölf Ströme hervor, die sich mit donnerndem Rauschen in den unermeßlichen Abgrund stürzten. Ihre Fluten, die Eliwagar, erstarrten in der grausigen Kälte Ginnungagaps zu Eis, und da der brausende Kessel sich immer erschöpfte, schob sich eine Eisschicht über die andere, und im Laufe vieler Jahrtausende füllten die stetig wachsenden Massen einen Teil des gähnenden Schlundes aus.
Wie anders war es im Reiche des heißen Südens, in Muspelheim! Dort zischte und blitzte es von umherstiebenden Feuerfunken, auf tausend Essen sprühte und leuchtete die rote Glut, und die Hitze war so groß, daß nur einer sie zu ertragen vermochte: Surtur, der Beherrscher des Flammenreiches Muspelheim. Dort saß auf einem Felsblock der Feuerriese, schwarz und finster von Angesicht, gestützt auf sein flammendes Schwert, und beobachtete, wie die Funken von seinen Essen über den gähnenden Abgrund flogen und drüben auf die Eisblöcke Nifelheims niederfielen. Wußte er, was die sprühenden Flammengeister dort bewirkten und schafften? Hatte er Kenntnis davon, daß dort eine neue Welt von großen, reichen Lebens entstehen solltet?
Die Feuerfunken vermischten sich mit den Wassertropfen aus dem Urweltbrunnen, und auf den starren Eismassen des Eliwagar fing es an zu zischen, zu dampfen, zu wallen, und siehe: aus der kreisenden Gärung entstand ein lebendes Wesen: Ymir oder Örgelmir: der brausende Lehm.
Und noch ein zweites Lebewesen ging aus den gärenden Massen hervor: die Kuh Audhumbla, die Schatzreiche.
Aus ihrem Euter flossen vier Milchströme, die dem Riesen Ymir zur Nahrung dienten und ihm ungeheure Kraft verliehen. Eines Tages, da er sich satt getrunken, entschlief er geriet Schweiß. Da erwuchs ihm unter einem Arm ein Sohn und unter dem anderen eine Tochter, und diesen beiden entstammte das gewaltige Geschlecht Hrimthursen: Reif- oder Frostriesen.
Die Kuh Audhumbla leckte an den salzigen Eisblöcken, und unter ihrer Zunge kam aus dem Block in drei Tagen ein Mann hervor: groß, stark und schön. Er nannte sich Buri und schuf aus eigener Kraft einen Sohn, Bör geheißen. Dieser nahm die Riesentochter Bestla (die Beste) zum Weibe, und sie gewannen drei Söhne: Odin, Wili und We. Also Wotan, Hönir und Loki.
Diese drei Söhne Börs waren von göttlicher Kraft und Schönheit, ganz unähnlich den unförmigen, plumpen Riesen aus dem Geschlechte Ymirs. Wem gebührte nun die Herrschaft über die werdende neue Welt: dem brüllenden Lehmriesen Ymir und seiner unholden Sippe, oder den edlen Söhnen des Bör?
Sie zogen aus zum Streite widereinander, und trotz seiner gewaltigen Kraft unterlag der schreckliche Brüller und ward erschlagen. Aus den Wunden des Ungeheuers ergossen sich so mächtige Blutströme, daß in der dampfenden Sintflut alle Hrimthursen erkranken - bis auf zwei: den Bergelmir und sein Weib, die sich auf einem Boote retteten. Diese beiden wurden die Stammeltern aller späteren Riesengeschlechter.
Als sich die Flut verlaufen hatte, nahmen die Sieger den ungeheuren Körper Ymirs, warfen ihn mitten in den gähnenden Abgrund zwischen Nifel- und Muspelheim und schufen aus ihm die neue Welt. Aus dem Fleisch wurde die Erde geschaffen, aus dem Blut das Meer und alle Gewässer, aus den Knochen die Berge, aus den Zähnen die Steine, aus den Haaren Bäume und Sträucher, aus dem Schädel die Wölbung des Himmels und aus dem Hirn die wallenden Wolken, aus den Augenbrauen aber erbauten sie einen festen Wall gegen das Meer. An der jenseitigen Küste und auf den Inseln des Nordens und Ostens siedelten sich die Riesen an; die erhöhte Mitte der Scheibe wurde Midgard benannt und sollte künftigen Menschengeschlechtern zur Heimstätte werden.
So hatten Odin, Hönir und Loki sich die Weltwirtschaft erobert, und mit Recht nannten Sie sich Asen, d.h., Säulen der Welt.